Branchenleader: Frau Spieß, Sie haben mit der Lookademy eine Ausbildungsakademie für Color & Style Coaches gegründet und mit askstella.ai einen KI-gestützten Style-Assistenten entwickelt. Manch einer hält Farb- und Stilberatung für ein Relikt aus den 80ern, ein „alter Markt“. Was treibt Sie an, diesen Bereich mit neuen Ideen zu revolutionieren und wachzurütteln?
Farina Spieß: Tatsächlich hatte die klassische Farbberatung lange einen angestaubten Ruf. Viele dachten an die veralteten „Vier-Jahreszeiten“-Typen aus den 80ern und meinten, das Thema sei überholt. Aber ich habe von Anfang an an das Potenzial geglaubt. Für mich steckte in Farbe und Stil etwas viel Tiefergehendes: ein Schlüssel zur Persönlichkeitsentwicklung.
Meine Motivation war, dieser Branche neues Leben einzuhauchen, mit modernen Methoden und Technologie, aber vor allem mit Herz. Innovation in einem alten Markt heißt für mich, Altbewährtes neu zu denken.
Ich wollte zeigen, dass Farb- und Stilberatung nicht oberflächlich oder altmodisch ist, sondern ein mächtiges Werkzeug, um Menschen zu helfen, sich selbst besser kennenzulernen. Und genau das treibt mich bis heute an: eine alte Idee neu zu denken, ein neues Bewusstsein und Tiefe zu geben für das was in der heutigen Zeit sehr gebraucht wird.
Branchenleader: Ihr Stichwort „mächtiges Werkzeug“ deutet es an: Sie haben ein eigenes System entwickelt, die Woow-Farben-Methode mit einem 24-Farbtypen-System. Was genau steckt dahinter, und wie unterscheidet es sich von den alten vier Farbtypen?
Farina Spieß: Die klassische Typberatung kannte vier Typen (Frühling, Sommer, Herbst, Winter). Ich habe schnell gemerkt, dass vier Schubladen für die Vielfalt der Menschen nicht reichen. Mein 24-Farbtypen-System geht viel differenzierter vor. Jede Person hat ganz individuelle Nuancen, und darin liegen ihre „Woow-Farben“.
Das sind die Farben, die einen Menschen zum Strahlen bringen, weil sie perfekt zum Teint und zur Persönlichkeit passen. Mit der Woow-Farben-Methode analysieren wir zum Beispiel anhand spezieller Farbtücher den Unterton der Haut und weitere Merkmale. Wichtig ist: Den Mensch holistisch zu betrachten. Allein durch den Hautton oder der Haarfarbe können wir keine Schlüsse ziehen. Am Ende bekommt jeder einen personalisierten Farbpass mit den eigenen Woow-Farben.
Doch das System geht über die Optik hinaus: Es ist präzise und persönlich. Statt jemanden grob als „Wintertyp“ abzustempeln, entdecken wir vielleicht, dass er ein „kühler- klarer- dunkler Typ“ ist, also einer von 24 feineren Typen. Diese Genauigkeit gibt den Menschen oft ein Aha-Erlebnis: „Wow, so habe ich mich ja noch nie gesehen!“ Sie verstehen plötzlich, warum sie in manchen Farben immer Komplimente bekommen. Dieser Moment begeistert mich jedes Mal, weil er zeigt, dass die alte Methode mit etwas Innovation wieder richtig relevant und cool sein kann.
Branchenleader: Man merkt, dass Ihr Ansatz tiefer geht als reine „Typberatung“. Sie sprechen von Selbsterkenntnis und Persönlichkeitsentwicklung. Wie verbinden Farben und Stil denn die innere Welt mit der äußeren?
Farina Spieß: Für viele klingt Mode oder Make-up erst mal oberflächlich, aber genau dagegen arbeite ich an. Meine Philosophie ist: Farbe und Stil sind ein Spiegel deiner selbst. Wenn du deine authentischen Farben und deinen eigenen Stil findest, begegnest du in gewisser Weise dir selbst. Plötzlich erkennst du Facetten an dir, die dir vorher nicht bewusst waren.
Ein Beispiel: Eine Kundin hat vielleicht immer Schwarz getragen, weil „schwarz geht immer“. In unserer Beratung findet sie heraus, dass ihr eigentlich tiefe Petrol- oder Beerentöne unglaubliche Ausstrahlung verleihen. Wenn sie sich darin im Spiegel sieht, merkt sie: Das bin ja ich!, nur eben selbstbewusster und sichtbarer.
Diese Verbindung von innen und außen ist mir unheimlich wichtig. Es geht nicht darum, irgendwelchen Trends hinterherzulaufen. Im Gegenteil: Ich möchte, dass Menschen ihre Einzigartigkeit nach außen tragen. Die richtigen Farben und der passende Stil können einem regelrecht Kraft geben. Viele meiner Kundinnen sagen nach der Beratung, sie fühlten sich wie befreit, als dürften sie endlich zeigen, wer sie wirklich sind. Das ist kein oberflächlicher Effekt, das ist Selbsterkenntnis durch Farbe und Stil. Und genau dadurch steigt auch das Bewusstsein: Man kauft bewusster ein, man definiert Schönheit neu, nämlich als etwas, das von innen kommt und außen sichtbar wird.
Branchenleader: Ihr Weg zur erfolgreichen Unternehmerin klingt im Rückblick geradezu folgerichtig, über 15 Jahre Erfahrung als Make-up Artist, Stylistin, Coach. Doch gab es auch Gegenwind? Wie haben Sie es geschafft, Ihre Vision trotz anfänglicher Skepsis umzusetzen?
Farina Spieß: Oh, Gegenwind gab es reichlich! (lacht) Als ich begann, von einem exakten 24-Typen-System zu sprechen, hieß es oft: „Ach, das mit den Farbtypen, das ist doch längst Schnee von gestern.“ Viele Kollegen belächelten mich oder waren skeptisch, ob junge Leute sich für sowas noch interessieren. Diese Ablehnung hat mich aber eher angespornt. Ich wusste einfach, dass da etwas dran ist, weil ich es in meinen eigenen Beratungen erlebt habe: Wenn Menschen ihre Woow-Farben entdecken, verändert das etwas in ihnen. Also habe ich trotz Widerständen daran festgehalten.
Anfangs habe ich vieles alleine gestemmt, vom Coaching bis zum Marketing. Ein entscheidender Durchbruch kam dann mit der Zeit: Ich habe gelernt, wirklich in meine Leader-Rolle zu gehen. Früher wollte ich alles kontrollieren, heute habe ich ein Team und fokussiere mich darauf, die Vision voranzutreiben.
Diese persönliche Transformation, zu erkennen „Ich muss nicht alles alleine machen, ich darf führen und groß denken“, war ein Game Changer. Plötzlich konnten wir viel mehr erreichen: Die Lookademy wuchs, wir bilden mittlerweile die Style-Coaches von morgen aus, und meine Vision fand immer mehr Gehör. Rückblickend bin ich froh über den Gegenwind, denn er hat mich gelehrt, dranzubleiben und meinen eigenen Weg zu gehen, auch wenn andere ihn noch nicht verstehen.
Branchenleader: Ein wichtiger Teil Ihres Weges war zunächst der Woow Club, eine Plattform für Style-Analysen und Workshops, und nun die Weiterentwicklung zu Stella AI. Wie kam es dazu, dass Sie Ihre Methode mit künstlicher Intelligenz verknüpft haben?
Farina Spieß: Der Woow Club war ursprünglich meine Online-Community und Plattform, um persönliche Farb- und Stilberatungen in die digitale Welt zu bringen. Wir haben dort früh mit Selfie-Analysen gearbeitet: Nutzer konnten ein Foto hochladen und einen ersten Eindruck ihrer Farben und Proportionen bekommen. Das kam gut an, aber ich habe gemerkt, dass da noch viel mehr Potenzial steckt. So entstand die Idee zu Stella AI.
Stell dir Stella als eine persönliche Style-Assistentin vor, die rund um die Uhr verfügbar ist. Du machst ein Selfie und die KI analysiert z.B. Hautton, Haarfarbe, Augenfarbe. Daraus kann Stella sehr präzise Empfehlungen geben, hyperpersonalisiert, nicht basierend auf allgemeinen Trends, sondern auf dir. Sie sagt dir vielleicht: „Schau, dieser grau-beige Ton lässt deine Augen leuchten, probier das mal!“ Oder sie verrät dir. Einige Tester meinten scherzhaft, Stella würde ihnen Dinge über sich erzählen, „die sie selbst noch nicht wussten“.
Natürlich ersetzt eine KI nicht den Menschen völlig, es ist ein Assistent. Aber sie schafft etwas, das früher so nicht möglich war: personalisierte Beratung für jeden, sofort und überall. Für mich als Innovatorin ist das genial, weil es meine Vision skaliert. Ich kann ja nicht persönlich Millionen Menschen und Firmen beraten, aber mit Stella AI können wir die Idee der individuellen Stilberatung in die Welt hinaustragen. Ebenfalls macht sie das Thema wieder präsenter in der Gesellschaft, sowie meine Absolventen auch.
Und noch ein Aspekt ist mir wichtig: Bewusster Konsum. Wenn Stella den Kundinnen hilft, wirklich das passende Produkt, die perfekte Foundation-Nuance oder den genau richtigen Lippenstift, zu finden, dann kaufen sie gezielter und zufriedener. Sie bekommen ein tolles Erlebnis und die Produkte, die sie wählen, passen wirklich. Das freut die Kundin und letztlich auch die Marke, weil ein zufriedener Kunde ja gern wiederkommt. So gewinnt am Ende jeder: Der Mensch fühlt sich verstanden und schön, und die Beauty-Brands erhöhen ihre Relevanz, ohne den Leuten irgendetwas Unpassendes aufzudrängen.
Branchenleader: Apropos Beauty-Brands, wie reagieren die Unternehmen oder auch traditionelle Branchenkollegen auf diese Kombination aus KI und persönlicher Beratung? Haben Sie das Gefühl, die Beauty-Industrie ist bereit für so viel „Hyper-Personalisierung“?
Farina Spieß: Ich sehe da gerade einen spannenden Wandel. Lange ging es im Beauty-Bereich viel um Massenprodukte und Trends, jetzt merken viele: Personalisierung ist der Schlüssel, um die Audience wirklich zu erreichen. Die Resonanz von Unternehmensseite ist sehr positiv. Einige große Marken beobachten ganz genau, was wir mit Stella AI machen. Natürlich ist da auch Aufklärungsarbeit nötig. Nicht jeder kann sich sofort vorstellen, was KI hier leisten kann. Aber sobald ich erkläre, dass unsere KI nicht einfach nur aufgrund von Klickverhalten Produkte vorschlägt, sondern den Menschen analysiert und berät, sind viele begeistert.
Ich glaube fest: Die Zukunft der Beauty-Industrie wird personalisiert sein. Wer seinen Kundinnen ein maßgeschneidertes Erlebnis bietet, ob online oder im Laden mit digitalen Spiegeln und KI-Assistenten, der wird langfristig erfolgreicher sein.
Branchenleader: Sie sprechen mit großer Begeisterung über Technologie und neue Möglichkeiten. Gleichzeitig wirkt bei Ihnen alles sehr menschlich, sehr geerdet. Wie schaffen Sie es, diesen persönlichen Bezug in einer zunehmend digitalen Welt zu bewahren?
Farina Spieß: Danke für die Blumen! Genau das versuche ich immer: Herz und Innovation zu verbinden. Bei allem, was ich tue, ob Lookademy oder Stella AI, steht der Mensch im Zentrum. Ich frage mich: Hilft das jemandem? Macht es das Leben schöner, einfacher, bewusster? Technik ist für mich kein Selbstzweck. Ich komme ja selbst aus dem direkten Kontakt: jahrelang habe ich Menschen „live“ beraten, vor dem Spiegel, habe in ihren Augen gesehen, was ein Aha-Moment auslöst.
Diese Nähe und Herzlichkeit möchte ich jetzt in jedes neue Format übertragen. Ich glaube, das gelingt, wenn man die richtige Haltung bewahrt: Ich sehe jeden Nutzer von Stella, jede Teilnehmerin der Lookademy als Individuum mit eigenen Bedürfnissen. Und ich möchte, dass sie das auch spüren. Ein Satz, den ich oft sage, ist: Je mehr du über dich selbst weißt, desto erfüllter und erfolgreicher wird dein Leben sein. Genau dabei helfen meine Angebote. Am Ende des Tages ist mein größter Erfolg nicht irgendeine Technologie oder ein Geschäftsabschluss, sondern wenn ein Mensch durch unsere Arbeit strahlender, selbstbewusster und glücklicher nach Hause geht. Das ist der Kern. Alles andere, ob KI oder Kursprogramm, sind Mittel, um dieses Ziel zu erreichen.
Branchenleader: Zum Schluss: Was würden Sie anderen raten, die versuchen, in etablierten Branchen neue Wege zu gehen? Und was steht als Nächstes an, haben Sie noch weitere Visionen, die Sie verwirklichen möchten?
Farina Spieß: Meine wichtigste Lektion ist: Bleibt beharrlich und glaubt an eure Vision, auch wenn andere sie noch nicht sehen. Gerade in traditionellen Branchen werden neue Ideen anfangs oft abgetan. Hätte ich auf die Zweifler gehört, gäbe es heute weder mein Academy noch Stella AI. Man braucht einen langen Atem, und eine echte Leidenschaft für die Sache. Nur wenn einen etwas wirklich begeistert, kann man die Extrameile gehen, auch durch schwierige Zeiten. Und holt euch die richtigen Mitstreiter ins Boot: Ein gutes Team oder Mentoren sind Gold wert. Ich habe das große Glück, dass ich mit dem, was mir Spaß macht, auch Geld verdienen darf, das ist ein Privileg, das aber aus harter Arbeit und Überzeugung entstanden ist.
Zur zweiten Frage: Visionen habe ich viele! (lacht) Es gibt noch einige spannende Entwicklungen, die ich mit Stella AI und der Lookademy anstoßen möchte – vor allem in Richtung noch stärkerer Personalisierung und Nutzererlebnisse, die Menschen wirklich berühren. Auch über neue Märkte und Kooperationen denke ich nach, aber ich gehe solche Schritte bewusst und mit Geduld. Im Kern bleibt mein Ziel immer dasselbe: die Beauty-Welt persönlicher, bewusster und menschlicher zu gestalten. Wenn es uns gelingt, Menschen damit ein Stück näher zu sich selbst zu bringen – egal ob durch eine Ausbildung oder durch Technologie –, dann ist das für mich gelebte Innovation.
© All rights reserved. Tipps-Berlin.de – Metallbau-NEWS.de
© All rights reserved.