Im September 2019 erschütterte die Insolvenz des traditionsreichen Reisekonzerns Thomas Cook die Branche. Thomas Cook – zu dem in Deutschland Marken wie Neckermann Reisen, Bucher Reisen, Öger Tours und Air Marin gehörten – war bis dahin einer der größten Reiseveranstalter Europas. Die Pleite traf weltweit Hunderttausende Urlauber, unter ihnen auch rund 140.000 deutsche Reisende, die sich zum Zeitpunkt der Insolvenz auf ihren Urlaubsreisen befanden. Es kam zur größten Rückholaktion der britischen Regierung in Friedenszeiten, und auch in beliebten Urlaubsländern wie Spanien, Griechenland, der Türkei und Nordafrika hinterließ das Aus von Thomas Cook tiefe Spuren. In Deutschland stellte der Veranstalter auf Notgeschäftsführung um und sagte alle Abreisen bis Ende Oktober 2019 ab. Letztlich musste Thomas Cook Deutschland den Geschäftsbetrieb einstellen, wodurch rund 1.000 der insgesamt etwa 2.100 Mitarbeiter ihre Jobs verloren.
Die Ursachen für den Niedergang von Thomas Cook waren vielfältig. Zum einen war der britisch-deutsche Reisekonzern hoch verschuldet – im Frühjahr 2019 betrug der Schuldenberg rund 1,4 Milliarden Euro.
Diese Last resultierte auch aus früheren Fehlinvestitionen wie der Fusion mit dem Konkurrenten MyTravel, die später vollständig abgeschrieben werden musste. Daneben kämpfte Thomas Cook mit strukturellen Problemen: Das Unternehmen hatte den digitalen Wandel verschlafen. Ein Reiseexperte konstatierte, Thomas Cook sei „niemals im 21. Jahrhundert angekommen“ – sprich, der Konzern hielt zu lange an seinem traditionellen Pauschalreise-Modell mit eigenen Reisebüros fest und konnte gegen die Online-Konkurrenz und das veränderte Buchungsverhalten vieler Kunden nicht ausreichend bestehen.
Auch externe Faktoren spielten eine Rolle: Brexit und der Kursverfall des britischen Pfundes verteuerten Urlaubsreisen für britische Kunden und verunsicherten viele Verbraucher. Zusätzlich belasteten außergewöhnliche Hitze-Sommer in Nordeuropa (die dazu führten, dass z.B. viele Briten lieber zu Hause blieben) sowie geopolitische Unruhen in einigen Zielgebieten das Geschäft. Schließlich scheiterte in letzter Minute eine dringend benötigte Finanzspritze – noch bis zum Abend vor der Insolvenz hatte Thomas Cook mit Investoren und Gläubigern über zusätzliche 200 Millionen Pfund verhandelt, doch diese Summe kam nicht mehr zustande. So musste der 178 Jahre alte Reisekonzern Insolvenz anmelden.
Die Folgen für Kunden waren gravierend: Zahlreiche Urlauber saßen im Ausland fest oder mussten bereits gebuchte Reisen absagen. Zwar sind Pauschalurlauber gesetzlich abgesichert und haben Anspruch darauf, im Insolvenzfall zurückbefördert zu werden. In diesem Fall jedoch zeigte sich, dass die bestehenden Absicherungslösungen an ihre Grenzen stießen. Die deutsche Thomas Cook hatte beim Versicherer Zurich zwar die vorgeschriebene Kundengeld-Versicherung abgeschlossen – jedoch mit einer Haftungsobergrenze von 110 Millionen € pro Jahr, wie damals gesetzlich zulässig.
Der tatsächliche Schaden überstieg diese Summe um ein Vielfaches: Die Kosten für Rückflüge gestrandeter Urlauber und Entschädigungen ausgefallener Reisen summierten sich auf 347 Millionen €. Der Versicherer konnte nach Abzug der Rückholkosten nur etwa 17,5 % der Kundengelder erstatten. Die restlichen rund 82,5 % mussten vom deutschen Staat übernommen werden – das waren ca. 177 Millionen €. Diese Lücke machte die Schwächen der damaligen Insolvenzsicherung deutlich und führte später zu gesetzlichen Reformen (dazu unten mehr). Auch die Mitarbeiter waren hart betroffen: Allein in Deutschland verloren etwa 1.000 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz.
Immerhin konnten für rund die Hälfte der Belegschaft Lösungen gefunden werden – so wurden einzelne Unternehmensteile von Thomas Cook Deutschland verkauft oder weitergeführt. Beispielsweise fanden sich Käufer für Bucher Reisen und Öger Tours, für die eigene Reisebürokette sowie Hotelmarken wie Sentido. Viele andere Arbeitsplätze und die Traditionsmarke Neckermann Reisen hingegen verschwanden vom Markt.
Bereits einige Jahre zuvor, im Sommer 2016, sorgte die Insolvenz der Leipziger Unister-Gruppe für Schlagzeilen. Unister war kein klassischer Pauschalreise-Veranstalter, sondern betrieb bekannte Online-Reiseportale wie „Ab-in-den-Urlaub.de“ und „Fluege.de“.
Das 2002 gegründete Unternehmen wuchs rasant und setzte in seinen besten Jahren Reisen im Wert von fast 2 Milliarden € jährlich um – damit war Unister zeitweise der größte Online-Reiseanbieter Deutschlands, noch vor Branchengrößen wie TUI oder Thomas Cook im Internetgeschäft. Doch der Zusammenbruch kam plötzlich und tragisch: Im Juli 2016 verunglückte Unister-Gründer Thomas Wagner auf einer mysteriösen Geschäftsreise mit einem Kleinflugzeug tödlich. Kurz darauf meldete die Firma Insolvenz an.
Bei näherem Hinsehen war die Pleite allerdings kein völliger Schock, sondern das Ergebnis von Missmanagement und einer bereits länger schwelenden Krise. Unister finanzierte sein Wachstum vor allem durch aggressive Marketingausgaben – das Unternehmen schaltete über Jahre hinweg kostspielige Google-Anzeigen, um Internetnutzer auf die eigenen Portale zu locken. Teilweise gab Unister dabei mehr Geld an Google aus, als es von den Reiseveranstaltern an Provisionen erhielt. Dieses ineffiziente Geschäftsmodell machte die Firma anfällig.
Zudem geriet Unister in rechtliche Grauzonen: 2012 durchsuchten Ermittler das Unternehmen wegen des Verdachts, unerlaubt Versicherungen an Reisekunden verkauft zu haben. Intern soll die Finanzlage schon lange vorher äußerst angespannt gewesen sein – Brancheninsider berichten, das Unternehmen sei de facto insolvent gewesen und habe die Pleite nur hinausgezögert.
Der Unfalltod des Firmengründers fungierte dann als finaler Auslöser: Nach dem Tod von Wagner (und eines weiteren Mitgründers, der mit im Flugzeug saß) brach Unister endgültig in sich zusammen. Kurz darauf meldeten mehrere Unister-Gesellschaften Insolvenz an, das Firmengeflecht zerfiel.
Die Auswirkungen auf Kunden und Mitarbeiter bei Unister fielen anders aus als bei einer klassischen Veranstalter-Pleite. Unister vermittelte als Online-Plattform vor allem Reisen anderer Veranstalter und Airlines. Kunden, die Pauschalreisen über Unister-Portale gebucht hatten, waren im Insolvenzfall über den jeweiligen Reiseveranstalter und dessen Versicherung geschützt. Für direkt bei Unister gebuchte Einzelleistungen – etwa Flugtickets – hing es vom Einzelfall ab, ob Kunden Ersatz bekamen. Der vorläufige Insolvenzverwalter betonte, dass für bereits gebuchte Pauschalreisen der Konkursversicherer einspringe.
Schwieriger war die Lage bei Nur-Flug-Buchungen: Wenn Unister Kundengelder bereits kassiert, aber nicht mehr an die Fluggesellschaft weitergeleitet hatte, drohten Passagiere auf den Kosten sitzenzubleiben. Insgesamt verlor die Reisebranche mit Unister einen wichtigen digitalen Akteur; mehrere hundert Mitarbeiter des Unternehmens standen vor dem Aus. Einige Teile des Geschäfts – etwa bestimmte Reiseportale – wurden später von anderen Firmen übernommen. Das Geschäftsmodell des einstigen „Online-Reise-Wunderkindes“ aber war gescheitert.
In Deutschland sind Urlauber bei Pauschalreisen rechtlich relativ gut geschützt. Seit den 1990er-Jahren gilt die Pflicht für Reiseveranstalter, Kundengelder im Voraus gegen Insolvenz abzusichern. Jeder Kunde erhält bei Buchung einer Pauschalreise einen Reisesicherungsschein, der ihm im Falle der Insolvenz des Veranstalters die Erstattung bereits gezahlter Gelder und die Rückreise aus dem Urlaub garantiert.
Diese Absicherung erfolgte bis 2021 überwiegend über Versicherungen oder Bankbürgschaften, die der Veranstalter hinterlegen musste. Allerdings konnte die Haftung des Versicherers gesetzlich auf 110 Millionen € pro Jahr und Veranstalter begrenzt werden. Diese bislang gängige Haftungsbegrenzung wurde schon lange als potenziell unzureichend kritisiert – und die aufgezeigten Risiken realisierten sich schließlich im Zuge der Insolvenzen der Thomas-Cook-Konzernunternehmen 2019.
Als Konsequenz trat zum 1. Juli 2021 in Deutschland eine umfassende Reform der Insolvenzsicherung in Kraft. Seither gilt ein neues System: große Reiseveranstalter müssen sich dem branchenweiten Deutschen Reisesicherungsfonds (DRSF) anschließen. Dieser Fonds, organisiert als privatrechtliche GmbH, funktioniert wie eine gemeinsame Versicherungskasse der Branche. Ein Veranstalter ist nun gesetzlich zur Insolvenzsicherung verpflichtet, wenn er Zahlungen der Kunden vor Reiseende annimmt oder eine Rückbeförderung schuldet. Die Absicherung erfolgt dann ausschließlich über den Reisesicherungsfonds.
Ausnahmsweise dürfen lediglich kleine Anbieter mit einem jährlichen Pauschalreiseumsatz unter 10 Millionen € weiterhin eine eigene Versicherungslösung nutzen, und Kleinstveranstalter unter 3 Mio. € Umsatz dürfen ihre Haftung auf bis zu 1 Mio. € pro Insolvenzfall begrenzen. Der weit überwiegende Teil der Branche muss jedoch einen Absicherungsvertrag mit dem Fonds abschließen. Der Fonds gewährleistet gegenüber Reisenden im Ernstfall die Erstattung aller Vorauszahlungen und die Durchführung der Rückreisen.
Eine Begrenzung auf 110 Mio. € gibt es dabei nicht mehr – der Reisesicherungsfonds haftet mit seinem gesamten Vermögen für die Ansprüche der Reisenden. Versicherer und Banken, die als Kundengeldabsicherer für kleinere Anbieter auftreten, haften nun ebenfalls unbeschränkt. Durch diese Neuregelung soll sichergestellt sein, dass Kunden auch bei einer Großinsolvenz (wie der von Thomas Cook) vollständig entschädigt werden und eventuelle Rückholkosten gedeckt sind.
Die Gesetzesänderungen nach der Thomas-Cook-Insolvenz sind ein zentrales Beispiel dafür, wie der Gesetzgeber auf Branchenkrisen reagiert hat. Schon zuvor gab es Anpassungen im Reiserecht – etwa durch die EU-Pauschalreiserichtlinie von 2015 (umgesetzt 2018), welche die Verbraucherrechte bei Pauschalreisen allgemein stärkte. Nach 2019 wurde jedoch insbesondere die Insolvenzabsicherung grundlegend reformiert.
So wurde der oben beschriebene Reisesicherungsfonds ins Leben gerufen und mit strikteren Vorgaben für Reiseanbieter verknüpft. Veranstalter müssen seither ihre Finanzlage regelmäßig prüfen lassen; bei Auffälligkeiten kann der Fonds verlangen, dass Kundengelder vorläufig nicht mehr angenommen werden oder zusätzliche Sicherheiten gestellt werden. Auch stellte die Bundesregierung klar, dass im absoluten Notfall der Staat als Garant einspringen muss, wenn alle privaten Mittel nicht ausreichen – ein Schuldeingeständnis, dass man die EU-Vorgaben zuvor unzureichend umgesetzt hatte.
Für Reisende bedeutet dies: Wer heute eine Pauschalreise bucht, kann selbst im Falle der Insolvenz eines großen Veranstalters damit rechnen, sein Geld zurückzuerhalten bzw. sicher nach Hause gebracht zu werden. Das neue System wurde erstmals im Fall der FTI-Insolvenz 2024 erprobt – und hat funktioniert. Als der drittgrößte deutsche Reiseanbieter FTI Touristik im Juni 2024 überraschend Insolvenz anmeldete, mussten zwar alle laufenden und geplanten Reisen abgesagt werden. Doch die bereits geleisteten Zahlungen der Kunden waren bei Pauschalreisen über den Deutschen Reisesicherungsfonds abgesichert. Urlauber mussten also nicht wie 2019 um ihr Geld bangen, sondern konnten darauf vertrauen, entschädigt zu werden. Dieses Beispiel untermauert die Bedeutung der neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen.
Neben der Insolvenzsicherung greifen im Krisenfall weitere rechtliche Mechanismen. Das deutsche Reiserecht (BGB §§ 651a ff.) regelt etwa, dass Kunden bei Leistungsänderungen oder Reiseabsagen unter bestimmten Umständen ein Recht auf kostenlose Stornierung oder Ersatzleistungen haben. Bei einer Veranstalter-Insolvenz allerdings tritt an die Stelle solcher Ansprüche die genannte Insolvenzsicherung, da der Vertragspartner zahlungsunfähig ist. Wichtig ist auch die Unterscheidung, dass einzeln gebuchte Leistungen (z.B. nur ein Flug oder Hotel, direkt beim Anbieter gebucht) nicht unter den Pauschalreise-Insolvenzschutz fallen. Wer seinen Urlaub aus Bausteinen selbst zusammenstellt, trägt ein höheres Risiko im Pleitefall eines Anbieters – beispielsweise gingen nach der Unister-Pleite einige Kunden leer aus, die über das Portal einen Flug gebucht hatten, weil es sich dabei um einen Direktkauf und keine Pauschalreise handelte. Für viele Verbraucher ist dies ein Grund, doch lieber Paketreisen über renommierte Veranstalter zu buchen, da sie dort den gesetzlichen Rundumschutz genießen.
Nach den Turbulenzen der letzten Jahre stellt sich die Frage, welche deutschen Reiseveranstalter heute solide dastehen – und warum. Allen voran hat TUI, der weltgrößte Touristikkonzern, die Pandemie und jüngste Krisen überlebt. Allerdings gelang dies nur durch massive staatliche Unterstützung: In der Corona-Krise 2020/21 erhielt TUI insgesamt mehrere Milliarden Euro an Krediten und Kapitalhilfen vom Bund. Mittlerweile erholt sich das Unternehmen wieder und hat angekündigt, die verbliebenen staatlichen Darlehen – rund eine halbe Milliarde Euro – noch 2023 vollständig zurückzuzahlen.
TUI hat sein Geschäftsmodell teilweise angepasst (etwa durch den Ausbau der digitalen Angebote) und profitierte 2023/24 von der wieder erwachten Reiselust der Kundschaft. Ähnlich solide präsentiert sich DER Touristik, die Reisessparte des Handelskonzerns Rewe. Als Teil eines finanzstarken Mutterkonzerns und mit breiter Markenpalette (Dertour, ITS, Meiers Weltreisen u.a.) konnte DER Touristik die Krise vergleichsweise gut abfedern. Das Unternehmen expandierte sogar: 2023 übernahm es vom insolventen Konkurrenten FTI bestimmte Auslandsbeteiligungen (etwa das Polen-Geschäft), was seine Marktposition weiter stärkte. Auch Alltours und Schauinsland-Reisen, zwei größere mittelständische Veranstalter, gelten als finanziell gesund. Alltours-Gründer Willi Verhuven betonte, sein Unternehmen habe ohne staatliche Hilfen durchgehalten; man habe konservativ gewirtschaftet und sei nun schuldenfrei in der Lage, vom Aufschwung zu profitieren.
Tatsächlich verzeichnen TUI, DER Touristik, Alltours und andere derzeit Boom-Geschäfte, nicht zuletzt durch den Wegfall eines Mitbewerbers: Nach der FTI-Pleite im Juni 2024 melden die verbleibenden Veranstalter deutlich steigende Buchungszahlen. Marktführer TUI etwa berichtete kurzfristig von einem sprunghaften Anstieg der Buchungen und legte 300.000 zusätzliche Plätze für den Sommer auf. Auch DER Touristik erwartet durch die neu verteilten Marktanteile rund 400.000 zusätzliche Gäste in den kommenden Monaten. Alltours wiederum sprach von Zuwachsraten im zweistelligen Prozentbereich und rechnet dank des Nachfrageschubs infolge der FTI-Insolvenz mit einem Rekordwachstum von über 20 % im aktuellen Geschäftsjahr. Diese Entwicklung zeigt: Die großen Player können ihre Marktanteile ausbauen – was ihre Stabilität erhöht, allerdings den Wettbewerb tendenziell verringert.
Die Reisebranche sieht sich aktuell auch mit stark steigenden Kosten konfrontiert. Die allgemeine Teuerung macht vor dem Urlaub nicht Halt: Reisepreise sind seit dem Ende der Pandemie deutlich gestiegen. Pauschalreisen kosteten im ersten Halbjahr 2023 durchschnittlich rund 10 % mehr als im Vorjahreszeitraum. Flugtickets ins Ausland verteuerten sich im selben Zeitraum sogar um knapp 25 %. Haupttreiber waren höhere Energie- und Kerosinpreise, Personalkosten sowie nachholende Preiserhöhungen der Anbieter nach den Verlustjahren 2020/21. Für Verbraucher bedeutet das deutlich teurere Urlaubsangebote – doch bislang ist die Nachfrage erstaunlich robust.
2023 gaben die Deutschen so viel für Reisen aus wie noch nie: Im Touristikjahr 2022/23 (Nov. 2022 bis Okt. 2023) summierten sich die Reiseausgaben auf 79 Milliarden € – ein neuer Rekord und 27 % mehr als im Vorjahr. Gegenüber dem Vor-Corona-Jahr 2018/19 bedeutet dies ein Plus von 14 %. Fast die Hälfte des Gesamtumsatzes entfiel dabei auf Pauschal- und Bausteinreisen der Veranstalter, was den zentralen Stellenwert der Reiseveranstalter trotz Internet-Buchungsmöglichkeiten unterstreicht.
Die hohe Nachfrage trotz Inflation erklären Experten mit einem Nachholbedarf: Viele Verbraucher haben in der Pandemie Reisen aufgeschoben und gönnen sich diese nun – oft finanziert durch angespartes Geld. Allerdings ist zu beobachten, dass Kunden preissensibler geworden sind: Frühbucher-Rabatte und Sonderaktionen werden stärker genutzt, günstigere Reiseziele bevorzugt. Der Chef von TUI Deutschland warnte bereits, die Zeit der großen Last-Minute-Schnäppchen sei vorerst vorbei, da die Kapazitäten knapp und die Kosten hoch sind.
Geopolitische Krisen beeinflussen das Geschäft ebenfalls. Der russische Krieg gegen die Ukraine etwa hat indirekte Folgen: Er trieb die Energiepreise hoch und zwang Airlines zu längeren Flugrouten, was Kosten und Ticketpreise erhöhte. Zudem bleiben Reiseziele wie Russland und Ukraine bis auf Weiteres ausgeschlossen. Andere Regionen gerieten durch politische Unruhen in die Schlagzeilen – etwa Nordafrika (z.B. die Unruhen im Sudan 2023) oder zuletzt der Nahen Osten – was Reiseveranstalter zu flexiblen Anpassungen zwingt.
Hinzu kommen Naturkatastrophen und Pandemien als bleibende Unsicherheitsfaktoren: Die Corona-Pandemie 2020/21 brachte den Tourismus zeitweise nahezu zum Stillstand und hätte ohne staatliche Hilfen wohl zahlreiche Veranstalter in den Ruin getrieben. Auch Ereignisse wie Vulkanausbrüche (Island 2010), Tsunamis oder Erdbeben können regional zu Geschäftseinbrüchen führen. Für die Branche heißt das, Risiken zu streuen, schnell zu reagieren und finanziell Puffer einzuplanen. Viele Unternehmen haben inzwischen Krisenstäbe und Notfallpläne etabliert, um auf plötzliche Ereignisse vorbereitet zu sein – eine wichtige Lehre aus den Erfahrungen der letzten Jahre.
Die deutschen Reiseveranstalter blicken trotz aller aktuellen Herausforderungen insgesamt optimistisch in die Zukunft. Die Reiselust der Bevölkerung ist ungebrochen, und nach Ansicht von Marktbeobachtern wird Deutschland 2024 wieder Reise-Weltmeister in Europa sein, gemessen an Reisefrequenz und -ausgaben. Um sich wirtschaftlich für die Zukunft besser abzusichern, setzen die Unternehmen auf mehrere Maßnahmen.
Erstens steht Konsolidierung und Kooperation im Fokus: Nach der Marktbereinigung durch Insolvenzen wie Thomas Cook und FTI verteilen sich deren Kunden nun auf weniger Anbieter. Dies stärkt die verbleibenden Firmen, die größere Volumina bündeln können. Mitunter prüfen Marktführer auch Übernahmen schwächerer Konkurrenten – so war DER Touristik zeitweise an einer Übernahme von FTI interessiert. Ein konzentrierterer Markt kann zwar stabiler sein, birgt aber auch die Gefahr von weniger Vielfalt.
Zweitens investieren die Veranstalter in die Digitalisierung und Effizienz. TUI beispielsweise treibt die Online-Buchungsplattform weiter voran und experimentiert mit KI-Technologien, um Kunden bessere Angebote und Beratung zu bieten. Durch digitale Prozesse und Automatisierung sollen Kosten gesenkt und Margen verbessert werden. Zugleich werden Geschäftsmodelle diversifiziert: Viele Veranstalter bieten modular kombinierbare Bausteinreisen oder dynamische Pakete an, um flexibler auf Trends zu reagieren und nicht nur starre Katalogprodukte zu haben.
Drittens legen die Unternehmen Wert auf ein strengeres Risikomanagement. Dazu zählt, finanzielle Polster für Krisenzeiten aufzubauen und Kreditlinien bereitzuhalten. Einige Anbieter haben sich von riskanten Geschäftsbereichen getrennt – zum Beispiel von eigenen Fluggesellschaften oder Hotelbeteiligungen – und arbeiten lieber mit Partnern zusammen, um Fixkosten zu reduzieren. Versicherungen gegen Ausfälle (z.B. Airline-Insolvenzen) gewinnen an Bedeutung. Auch die Zusammenarbeit mit dem Reisesicherungsfonds gehört zur Absicherungsstrategie: Zwar schützt dieser in erster Linie die Kunden, doch die Beiträge zum Fonds richten sich nach dem Umsatz und Risiko des Veranstalters, was einen Anreiz schafft, solide zu wirtschaften.
Nicht zuletzt achten Reiseveranstalter vermehrt auf Qualität und Kundenzufriedenheit, um das Vertrauen der Reisenden zu stärken. Ein verprellter Kunde – etwa jemand, der nach einer Pleite auf seinem Schaden sitzenbleibt – kehrt der Pauschalreise womöglich dauerhaft den Rücken. Durch Kulanz, verlässlichen Service und transparente Kommunikation bemüht sich die Branche, die Attraktivität der organisierten Reise hochzuhalten. Dazu gehört auch, aktuelle Trends zu bedienen, zum Beispiel das Thema Nachhaltigkeit: Einige Veranstalter kompensieren CO₂-Emissionen oder bieten umweltfreundlichere Reisen an, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.
Fazit: Die Pleiten großer Reiseveranstalter in Deutschland – von Thomas Cook über Unister bis hin zu aktuellen Fällen wie FTI – haben die Branche nachhaltig verändert. Fehlentscheidungen im Management, Überschuldung und äußere Schocks führten diese Unternehmen in die Insolvenz, mit teils drastischen Folgen für Urlauber und Mitarbeiter. Doch aus den Krisen wurden Lehren gezogen: Der Verbraucherschutz wurde gestärkt, und die verbliebenen Marktakteure haben sich neu aufgestellt. Die aktuelle Marktlage zeigt eine paradoxe Mischung aus Boom und Unsicherheit – Rekordumsätze auf der einen Seite, aber auch die Mahnung, angesichts von Inflation und globalen Risiken wachsam zu bleiben. Für die Zukunft gilt: Die deutsche Reisebranche ist robust, aber wachsam. Nur wer sich ständig anpasst, finanziell vorsorgt und das Vertrauen der Kunden gewinnt, wird auch die nächsten Stürme überstehen.
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